Page 24 - Schiedsrichter-Zeitung
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PORTRÄT
DFB-SCHIEDSRICHTER-ZEITUNG 03|2021
„Du kommst bestimmt in die Bundesliga“, sagte der Vater seinerzeit halb im Scherz. Er sollte recht behalten.
„Das Niveau hat sich ganz enorm
gesteigert, aber ich vermisse hin
und wieder schon die großen Vor-
bilder und Typen auf dem Platz.“
die Karriere.“ Das hat durchaus auch Auswirkungen auf die taktische Vorbereitung für ein Spiel. Und noch etwas, sagt Biehl lachend, habe sich geändert: „Mittlerweile bin ich fast immer die Älteste auf dem Platz. Auch damit muss ich zurechtkommen.“
Im Gespräch betont Biehl vor allem aber die Gemein- samkeiten in den Anforderungen an Schiedsrichter und Schiedsrichterinnen im Frauen- und Männerfußball: „Wir leisten das Gleiche wie die Männer. Wir haben die glei- che Motivation und die gleiche Leidenschaft für den Sport. Auch wenn die Unterschiede selbstverständlich da sind: Am Ende spielen immer elf gegen elf.“ Dass es, wie unlängst geschehen, als eine Bestrafung aufgefasst wird, eine Frauen- oder Mädchenmannschaft zu trainie- ren, „kann ich nur schwer akzeptieren“.
Neben Berufs-, Privat- und Sportlerinnenleben hat Chris- tina Biehl vor Kurzem auch noch eine weitere Rolle über- nommen: Seit Februar ist sie ehrenamtliche Botschaf- terin der in Birkenfeld ansässigen Stefan-Morsch-Stiftung und nutzt ihren hohen Bekanntheitsgrad, um für die gute Sache zu werben. Die Stiftung begann vor 35 Jah- ren, die erste Stammzellenspenderdatei Deutschlands aufzubauen, um damit an Leukämie erkrankten Men- schen zu helfen.
Nur ein Drittel der Leukämiepatienten finden einen Spen- der innerhalb der eigenen Familie. Alle anderen sind auf eine international vernetzte Datenbank angewiesen, die ihnen die Suche nach einem sogenannten Fremdspen- der ermöglicht. „Für mich war es selbstverständlich“, sagt Biehl, „sofort zuzusagen, als die Stiftung auf mich zukam, um mich als Botschafterin zu gewinnen. Schließ- lich geht es darum, Leben zu retten.“
„DIE FUSSBALLSPIELE SIND DIE HIGH- LIGHTS DER WOCHE“
Die Arbeit der Stiftung leidet unter der Pandemie, da Typisierungsaktionen zurzeit kaum möglich sind. So beschränkt sich die Botschaftertätigkeit aktuell auf digi- tale Events und Sichtbarkeit in den sozialen Medien. Aber auch das wird sich ändern. So wie auch irgendwann die Zuschauer in die Fußballstadien zurückkehren wer- den. Denn die fehlen Biehl in ihren Spielen schon sehr. Andererseits sagt sie: „Die Fußballspiele sind schon die Highlights der jeweiligen Woche. Ich bin froh, in Pan- demiezeiten so etwas erleben zu dürfen. Schließlich können andere ihr Hobby zurzeit gar nicht ausüben.“
Einen großen Auftritt vor Publikum hatte Christina Biehl dann aber im März des vergangenen Jahres doch, und das sogar zur Primetime um 20.15 Uhr und live auf ProSieben: Die Sendung „Schlag den Star“ hatte sich an den DFB gewandt und um den Kontakt zu einer Schiedsrichterin gebeten. Beim Duell zwischen der Videobloggerin Dagi Bee und der Schauspielerin und Sängerin Blümchen gehörte auch ein Fußballspiel zum Wettkampfprogramm. Christina Biehl meisterte auch diese Aufgabe mit Souveränität und sichtbarem Spaß. So wie man es von ihr gewohnt ist.
3_Als Schiedsrichterin bei „Schlag den Star“ stand allein der Spaß im Vordergrund.
Christina Biehl, Bundesliga-Schiedsrichterin
An ihre Anfangszeit als junge Schiedsrichterin hat Biehl nicht nur positive Erinnerungen: „Klar gab es da Spiele, die ich mir gerne erspart hätte. Da habe ich mich schon das eine oder andere Mal gefragt: Will ich das? Muss ich das haben?“ Andererseits gehört es zu ihrem Wesen, Rückschläge zu verarbeiten und vor allem, wie sie sagt: „Nie aufgeben. Immer weitermachen.“ Eine Eigenschaft, die sich ausgezahlt hat. 13 Jahre in Deutschlands höchs- ter Frauenspielklasse sind ein starkes Argument dafür.
Angesprochen auf die Veränderungen im Frauenfußball in dieser Zeit, zeichnet Biehl ein differenziertes Bild: Sicher, sagt sie, der Fußball sei auch im Frauenbereich schneller, athletischer, taktisch reifer geworden: „Das Niveau hat sich ganz enorm gesteigert. Andererseits vermisse ich hin und wieder schon die großen Vorbilder und Typen auf dem Platz; Spielerinnen wie Birgit Prinz, Sandra Smisek oder Lira Bajramaj.“
Die, so Biehl, müssten sich erst nach und nach wieder entwickeln. „Ich habe einen kompletten Generationen- wechsel erlebt. Die Entwicklung bei den Frauen hat sich der bei den Männern angepasst. Die Fluktuation ist viel größer geworden. Man ist eben heute nicht mehr zehn Jahre Spielführerin bei einem Verein und beendet dann
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