Page 27 - Schiedsrichter-Zeitung
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GRUNDLAGEN SCHAFFEN FÜR EINE ERFOLGREICHE SPIELLEITUNG
Wagner erwartet von den Referees, dass sie in der Lage sind, bereits vor dem Spiel durch angemessene takti- sche Maßnahmen die Grundlage für eine sehr gute Spielleitung zu schaffen. Die Planung der Anreise gehöre ebenso dazu wie die Absprache mit den Assistenten und ein freundlicher, zugleich jedoch distanzierter Umgang mit den Teamoffiziellen der beteiligten Ver- eine.
Zur notwendigen Strategie eines Schiedsrichters vor jedem Spiel sollte es zudem gehören, sich über die Tabellenstände zu informieren. Der Unparteiische sollte wissen, ob es beim Spiel dieser Mannschaften um eine wichtige Begegnung im Kampf um die Meisterschaft geht, ob die Teams gegen den Abstieg spielen oder ob es im Vorfeld des Spiels bereits Rivalitäten gegeben hat, die auf eine harte, kampfbetonte Begegnung schlie- ßen lassen.
Auf der Grundlage dieser strategischen Vorüberlegun- gen muss sich im Verlauf des Spiels dann das situati- onsbezogen sinnvolle taktische Vorgehen des Unpar- teiischen entwickeln.
Im kommenden DFB-Lehrbrief Nr. 97 werden die Ver- fasser auf solche Maßnahmen eingehen. Sie geben Hin- weise auf mögliche Gruppenarbeiten zum Thema „Schiedsrichtertaktik und Spielleitung“ und weisen da- rauf hin, dass der Referee in jedem Fall immer wieder die Zweckmäßigkeit seiner spieltechnischen und tak- tischen Maßnahmen reflektieren sollte.
Er muss sich zudem fragen, ob der von ihm geleistete Einsatz in einzelnen Situationen im Verhältnis zum Erfolg steht, den er damit hat. Schließlich hat er seine physi- schen und psychischen Kräfte passend für die gesamte Spielzeit zweckmäßig einzuteilen. „Körner“, die ver- schenkt werden, können ihm bei einem aggressiven, hektischen Spielverlauf in der Schlussphase der Begeg- nung fehlen.
Deutlich wird, dass das taktische Verhalten zunächst einmal von den Vorkenntnissen über das zu leitende Spiel bestimmt wird. Hinzu kommen Parameter wie der Erfahrungsschatz des Unparteiischen, das Verhalten einzelner Spieler und nicht zuletzt der jeweilige Spiel- charakter.
Dabei laufen die Spiele in der Mehrzahl so ab, wie es sich der Unparteiische im Vorfeld überlegt hat – wei- testgehend im Rahmen der Spielregeln. Er kann dann die Begegnung entsprechend seinen Vorstellungen leiten. Mitunter jedoch beginnt ein Spiel von der ersten Minute an aggressiv, mit vielen versteckten Fouls in den Zweikämpfen, mit ständiger Kritik.
Manchmal kippt das Spiel aber auch nach unvorherge- sehenen Situationen oder nach umstrittenen Entschei- dungen. Der Schiedsrichter muss nun seine Taktik und damit seine Spielleitung bezüglich seines Auftretens, der Spielstrafen und der Persönlichen Strafen ändern.
Vor allem beim Umsetzen des Regelwerks gehört es zur Schiedsrichterleistung, die passenden Mittel einzuset- zen. Vorteil und verzögerter Pfiff sind in einem aggres- siv geführten Spiel eher vorsichtig anzuwenden. Schließ- lich kann es nach einem Vergehen schnell zu einer Eskalation kommen. Bei Spielfortsetzungen vor dem Tor (Eckstöße, Freistöße in Strafraumnähe) muss der Unparteiische gegebenenfalls die Ausführung verzö- gern und auf Spieler einwirken, die ihre Gegner halten oder zur Seite stoßen.
DIREKTE ANSPRACHEN STATT ALLGEMEINER ZURUFE
Bei der Frage nach der Disziplinierung von Spielern wirkt eine direkte Ansprache im passenden Ton nach einem Foul oft viel besser als ausschließlich autoritäres Gehabe. Der Referee muss den Spielern ruhig, aber konsequent deutlich machen, dass er ihre Spielweise nicht duldet. Es gehört jedoch zugleich zu seinem Geschick, zu erken- nen, wann diese „Freundlichkeit“ nicht mehr ausreicht, um dann mit energischem Vorgehen und Persönlichen Strafen auf Spieler einzuwirken.
Allgemeine Aussagen oder Rufe wie „Spielen Sie vor- sichtiger!“ oder „Lassen Sie das!“ zeigen oft wenig Wir- kung und sind nicht als taktisches Einwirken auf einzelne Spieler anzusehen.
Nach dem Spiel sollte der Schiedsrichter im Regelfall das Spielfeld zügig verlassen. Diskussionen mit Spie- lern, Trainern oder Zuschauern sind taktisch unklug und sorgen nur für Missverständnisse und Fehlinterpretati- onen von Entscheidungen und bergen sogar Aggressi- onspotenzial.
Zu den taktischen Vorgaben gehört es darüber hinaus, sich nach einem Spiel nicht zu lange im Vereinsheim aufzuhalten. Wird das Schiedsrichter-Team zu einem Imbiss eingeladen, dürfen die Unparteiischen dieser Einladung grundsätzlich nachkommen. Mit Kommen- taren zum Spielverlauf oder zu Entscheidungen sollten sie sich dennoch taktisch klug zurückhalten.
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     TAKTISCHES VERHALTEN HAT GRENZEN
„Taktisch clever“ setzt rechtzeitiges Antizipieren voraus. „Dabei gilt es, Ermessensbereiche zu nutzen, aber niemals zu überschreiten“, sagt DFB- Lehrwart Lutz Wagner. Denn das wäre dann eine bewusste Regelbeugung und Regelverletzung und diese darf niemals mit angeblich „taktischem Verhalten“ gerechtfertigt werden. Taktisches Ver- halten des Schiedsrichters bezieht sich nur auf klar definierte Ermessensbereiche und auf den zwischenmenschlichen Bereich im Umgang mit den Beteiligten.

















































































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