Page 29 - Schiedsrichter-Zeitung
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Und in der Tat: Die Zahl der Tore stieg in der ers- ten Saison mit der neuen Regel in der englischen Football League um fast ein Drittel von 4.700
auf 6.373 Treffer. Die Zuschauer waren natürlich erfreut, aber die Anhänger des „Die Null muss stehen“ sannen schon bald auf Abhilfe.
Herbert Chapman, der 1925 Trainer des FC Arsenal wurde, veränderte deshalb die seit Langem übliche offensive Grundaufstellung, die zwei Verteidiger, drei Läufer und fünf Stürmer aufwies (2-3-5), zugunsten der Defensive. Dazu zog er den mittleren Läufer in die Abwehr zurück und die beiden Halbstürmer in die Nähe der Läuferreihe. Nach heutigen Maßstäben könnte man von einem 3-2- 2-3 sprechen. Damals nannte man es „WM-System“, denn Chapman ordnete seine Angreifer wie ein W an und seine Abwehr wie ein M. Damit war Arsenal in den 30er-Jahren zwar nicht die attraktivste, aber die erfolgreichste Mann- schaft Englands.
Wie schon betont: Das Spiel und seine Entwicklung führ- ten und führen zu Änderungen der Regeln, und die Ände- rung der Regeln wiederum zur Änderung des Spiels; der Regeltext und seine Auslegung sowie die Anwendung in der Praxis beeinflussen sich gegenseitig.
Während sich auf den Britischen Inseln viele Teams den Ideen Chapmans anschlossen, blieb es in Deutschland noch für längere Zeit beim offensiv ausgerichteten 2-3-5-System. „Es liegt nicht im Sinne der Abseitsregel, dass der Verteidi- ger den Stürmer abseits stellt“, schrieb Reichstrainer Otto Nerz, der Vorgänger von Sepp Herberger, 1932 in „Der Kampf um den Ball“ (Prismen Verlag Berlin).
Folglich verzichtete Nerz in seinem mit vielen taktischen Ratschlägen gespickten Beitrag darauf, das Stellen einer Abseitsfalle zu erläutern, was nach der 1925er-Regel zwar schwieriger, aber ja nicht unmöglich wurde. Nerz wies im Gegenteil nachdrücklich darauf hin, wie man eine solche Unsportlichkeit – und die war es in seinen Augen – umgeht: „Hinter dem Ball bleiben. – Schnelles Abspiel ohne Ballhalten. – Steiles Spiel von hinten her- aus. – Durchbrechen auf eigene Faust, ohne den Ball an einen etwa abseitsstehenden Partner abzugeben.“ Klingt sehr modern und spricht dafür, dass bei aller Verände- rung, die das Spiel im Laufe der Zeit erfährt, manch tak- tische Maßnahme zeitlos gültig ist.
Diese Zeitlosigkeit ist natürlich auch eine Folge davon, dass die Abseitsregel seit 1925 nicht mehr grundsätz- lich verändert worden ist, die „Zwei-Spieler-Bestimmung“ besteht nach wie vor. Dennoch gab und gibt es immer wieder Diskussionen über Schiedsrichter-Entscheidun- gen in Sachen Abseits. Selbst im „VAR-Fußball“ hat die Einführung des Video-Assistenten mit den künstlich erzeugten kalibrierten Linien auf dem Monitor die Unstimmigkeiten nicht restlos beseitigen können.
Da es nun offensichtlich um Millimeter geht, ist schon die Frage nicht wirklich zu beantworten, ob wirklich jedes Mal der Sekundenbruchteil der ersten Berührung des Balles durch den Abspielenden, also des Moments, in dem die Abseitsstellung festgestellt werden muss, getroffen wird. Die Unparteiischen auf dem Spielfeld sind allerdings aus der Bredouille raus, was sicher hilf- reich ist, weil die Proteste sich nicht mehr gegen sie richten.
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Petra Tabarelli Lutz Lüttig
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2_Im Jahr 1937 brachte Georg Blaschke in seiner „Schiedsrichter- Fibel“ die Dinge
mit schematischen Zeichnungen auf den Punkt.