Page 31 - Schiedsrichter-Zeitung
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auf Fachleute, sprich die Unparteiischen, beschränkt. Das ist heute völlig anders.
Zum Glück, denn sonst wäre vielleicht auch heute noch die Tatsache, dass seit 2013 eine Mischform aus den gerade erläuterten Kriterien für eine Abseitsstellung gilt, noch weitgehend unbekannt. Nach wie vor hebt ein Abprallen des Balles von einem Abwehrspieler das Abseits nicht auf, spielt er aber den Ball absichtlich, darf der abseitsstehende Angreifer ungestraft ins Spiel eingreifen.
EINE FESTLEGUNG, DIE WIE SO OFT DER OFFENSIVE DIENEN SOLL
Sie zu stärken, war auch 1990 der Grund, warum wie- derum auf Antrag des schottischen Verbandes eine von Beginn an bestehende Bestimmung in der Abseits- regel abgeändert wurde. Bis dahin war (siehe vorne) gleiche Höhe abseits, nun nicht mehr. Während sich vorher zwei Abwehrspieler zwischen dem Angreifer und der eigenen Torlinie befinden mussten, um nicht im Abseits zu stehen, reicht es seitdem, wenn der Angrei- fer sich neben ihnen befindet. Das macht es ein wenig schwerer, seinen Gegner bewusst ins Abseits zu stel- len. Der eine Schritt, der zusätzlich gemacht werden muss, kann beim Tempo des Spiels schon der eine Schritt zu wenig sein.
Versuche und Vorschläge, die Abseitsregel substanziell zu verändern, hat es immer wieder gegeben. Vor allem ging es dabei um die Zone auf dem Spielfeld: Abseits nur im Strafraum, Abseits auch in den Räumen neben dem Strafraum, Abseits nur außerhalb des Strafraums, Abseits 25, 35 oder 40 Yards vor dem Tor – manches wurde ausprobiert und letztlich alles verworfen.
2005 wurden die grundsätzlichen Bestimmungen der Regel 11 durch zwei IFAB-Entscheidungen erläutert: „Näher der gegnerischen Torlinie“ bedeutet seitdem, dass nur Kopf, Rumpf und Füße bei der Abseitsbewer- tung maßgebend sind, die Arme aber nicht. Eine Fest- legung, die den wachsenden Einfluss des Fernsehens verdeutlicht, denn ohne die von den Sendern gezogene virtuelle Abseitslinie und das entsprechende Standbild dazu wäre man wohl kaum auf diese Definition verfallen.
Zudem definierte man die Begriffe „ins Spiel eingreift“, „einen Gegner beeinflusst“ sowie „aus seiner Stellung einen Vorteil zieht“ schriftlich, um einer möglichst ein- heitlichen Anwendung der Abseitsregel durch die Schiedsrichter und ihre Assistenten näherzukommen.
Schaut man auf den langen Zeitraum, in dem es eine flexible Abseitsregel im organisierten Fußball gibt (seit 1866), gab es letztlich nur eine gravierende Änderung, die auch nur aus einem einzigen kleinen Wort bestand – aus „drei“ wurde „zwei“. Alles andere waren sprachli- che Überarbeitungen und Anpassungen an die jeweils moderne Spielweise, immer mit Blick auf den Sinn des Spiels: ein Tor zu erzielen.
Und so muss man auch eine Passage aus dem IFAB-Zir- kular Nr. 20 an alle 211 Nationalverbände der FIFA ver- stehen, das die Ergebnisse und Absichten der 134. Jah- resversammlung des IFAB zusammenfasste und am 7. April 2020 verschickt wurde: „Nach Ansicht der Jah- resversammlung dient das Abseits in erster Linie dazu, den Offensivfußball zu fördern und für mehr Tore zu sorgen, weshalb die Abseitsregel (Regel 11) analysiert und gegebenenfalls überarbeitet werden soll.“
Man darf gespannt sein.
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5_Seit 2006 werden die Abseitssituationen im Regelheft computeranimiert dargestellt.