Page 30 - Schiedsrichter-Zeitung
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ZEITREISE
DFB-SCHIEDSRICHTER-ZEITUNG 03|2021
 3_Im DFB-Regelheft 1997 ergänzte
eine von der FIFA übernommene Illustration das Abseitsdiagramm 1.
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Solcherlei Diskussionen konnten sich die vom IFAB berufenen Herren sicherlich nicht vorstellen, als sie 1937 begannen, das inzwischen recht wild wuchernde Regelwerk des Fußballs zu überarbeiten und neu zu ordnen. Der Engländer Stanley Rous, Sekretär der FA und später FIFA-Präsident, und der spätere hoch geschätzte DFB-Präsident Peco Bauwens als Vertreter der FIFA (beide sehr angesehene internationale Schieds- richter) sowie ihre Kollegen aus Schottland, Nordirland und Wales legten nach einjähriger Arbeit den Regel- hütern 1938 ihre Neuordnung des Textes vor.
Das Abseits wurde nicht verändert, aus der bisherigen Regel 6 wurde lediglich die Regel 11, die sie ja heute noch ist. In der Folgezeit gab es manche Ergänzungen und Klarstellungen, die wie immer ausgehend vom tatsächlichen Geschehen auf dem Platz eingebracht wurden.
So wurde 1939 verordnet, dass die Abseitsstellung nicht nur aufgehoben ist, wenn als Letztes ein Gegner den Ball gespielt hat, sondern dass es schon ausreicht, wenn er ihn berührt hat. Naheliegend, dass man damit auch abgefälschte oder abgeprallte Bälle miteinbezie- hen wollte. Vorausgegangen waren sicher Streitfälle, in denen argumentiert wurde, man habe den Ball ja gar nicht gespielt, er sei nur abgeprallt.
Knapp 40 Jahre später wurden beide Kriterien gestri- chen. Ab 1978 wurde die Abseitsstellung eines Angrei- fers ausschließlich in dem Moment beurteilt, in dem ein Mitspieler den Ball spielt oder auch nur berührt (zum Beispiel abfälscht). Die danach eventuell erfol- gende Berührung des Balles durch einen Gegenspieler hob die Abseitsposition nicht mehr auf.
Die Älteren werden sich an diesen Ausruf erinnern: „Mann, Schiri, der Ball kam doch vom Gegner!“ So wurde noch lange nach der Änderung von 1978 von Spielern und Trainern „argumentiert“, die Schiedsrichter mussten vor Ort Nachhilfe leisten. Das war durchaus verständlich, denn damals war die öffentliche Verbreitung selbst von Regeländerungen, die unmittelbar Auswirkung auf die Spielpraxis hatten, sehr unterentwickelt und meist nur
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Aber wie schon oben angedeutet: Ob diese Millimeter- Arbeit wirklich im Sinne des Spiels ist? Hat der Angrei- fer wirklich einen Vorteil davon, wenn sich seine Knie- scheibe, um bei diesem inzwischen realistischen Beispiel zu bleiben, näher zum Tor befindet als die Hacke seines Gegenspielers?
Andererseits stellt sich die Frage: Kann man die Grenze des Erlaubten verschieben? Und wenn ja, wie weit? Fünf Zentimeter, zehn? Was aber ist, wenn es elf sind? Die früher gern benutzte Formulierung „Im Zweifel für den Stürmer“, die allerdings im Regelwerk keinerlei Rückhalt findet, ist jedenfalls im Profifußball überall dort, wo allermodernste Technik eingesetzt wird, hin- fällig.
Anzumerken bleibt aber auch, dass die Technik hilft, Entscheidungen zu korrigieren, die ein Schiedsrichter nach Anzeige seines Assistenten getroffen hat und mit der fälschlicherweise ein reguläres Tor aberkannt wurde.
 4_Ab 2001 wurde das DIN- A6-Format des Regelheftes verdoppelt, und es kam bei den Abseitsillustrationen Farbe ins Spiel.



















































































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