Page 11 - Schiedsrichter-Zeitung
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AUFMERKSAM SEIN
Der Ball landet nach einem erfolgreich verwandelten Strafstoß im Tornetz. Wer darf ihn rausholen? Während der Schiedsrichter sich abwendet und in Richtung Abstoßpunkt schreitet, entwickelt sich im Netzraum ein Gerangel. Dabei hat der Stürmer kein Anrecht auf den Ball, denn Anstoß hat die verteidigende Mannschaft. Darauf muss der wachsame Referee ein Auge haben, die Konzentration hochhalten und die Situation mit Ruhe und Umsicht lösen.
PRÄVENTIV AGIEREN
Es gilt, rechtzeitig vorzubeugen. „Macht im Vorfeld etwas, das Signalwirkung erzeugt!“ Beispielsweise bei einem heftig, an der Grenze zum Legalen geführten Zweikampf: Im Anschluss sollte der Unparteiische die beiden Spie- ler ansprechen (eventuell im Vorbeigehen). Damit sollte es ihm gelingen, den nächsten Zweikampf zwischen den beiden auf normales Niveau „herunterzuholen“.
AUTOMATISMEN EINÜBEN
Was passiert, wenn ich einen Freistoß pfeife? Ich lege den Tatort fest, der Ball muss ruhen; ich stelle die Mauer, gehe weg mit dem dauernden Blick zum Ball; gebe den Ball frei, achte auf die Spieler in und neben der Mauer; habe meinen Assistenten und/oder das Abseits im Blick usw. Dann die Ausführung ... Die einzelnen Schritte wie- derholen sich immer wieder, wie beim Autofahren. Nur im Gegensatz zur Zeit der Führerscheinprüfung denken wir heute, nachdem wir bereits 100.000 Kilometer und mehr mit dem Auto gefahren sind, nicht mehr daran. Die Abläufe sind uns in Fleisch und Blut übergegangen. Das sollte auf dem Platz genauso sein. „So gelingt es uns, Freiräume für Unerwartetes zu schaffen“, erklärt Wagner.
MUTIG SEIN
Es gilt, Konsequenz zu zeigen, ohne zu überziehen. Bei einer Notbremse-Szene sollte der Schiedsrichter in dem
Moment, in dem das Foul des Verteidigers passiert, unter anderem beurteilen können, ob beim Angreifer Ballkon- trolle besteht, ob dieser eine glasklare Torchance gehabt hätte und ob noch ein Verteidiger hätte eingreifen kön- nen. Also nach Fakten vorgehen. „Wenn die besseren Argumente für ‚Rot‘ sprechen, sollte der geradlinige Weg gegangen und der Platzverweis ausgesprochen werden“, sagt der Lehrwart.
AUTHENTISCH AUFTRETEN
Man darf durchaus merken, wenn ein Schiedsrichter ver- ärgert ist. Dann nimmt man ihm die Sache eher ab. Man weiß, er ist kein Getriebener, keiner, der sich von den Regeln geißeln lässt. Stattdessen nimmt er sie und legt sie sinnvoll aus. Wagner: „Das ist der Spielleiter, den wir uns wünschen.“ Unparteiische sollten auch das Gespür haben, situativ empathisch zu reagieren. Wenn sie dabei freundlich, höflich agieren, quasi als „Schwiegermutter- Typ“ rüberkommen – kein Problem, denn jeder weiß: Der Schiri kann auch anders, er kann auch unpopuläre, notwendige Entscheidungen treffen.
SICH RICHTIG MOTIVIEREN
Die Devise lautet: Leistungsbereit, aber bitte nicht über- motiviert sein! Es soll Schiedsrichter geben, die ihre Laufstärke so deutlich unter Beweis stellen wollen, dass sie den Stürmern davonlaufen und sich permanent vor dem Ball befinden. Wenn sie dann unmittelbar vor dem Tor angeschossen werden und eventuell sogar ein Tor verhindern, ist der Ärger über sie groß.
FREUDE HABEN
„Die Liebe zum Fußball muss bei uns herauskommen“, stellt Wagner fest. „Nur was du gerne machst, machst du gut.“ Man könne einem Schiedsrichter ansehen, ob er mit Spaß und Freude bei der Sache ist. Was sei schö- ner, als mit positiver Stimmung endlich wieder über den Platz zu laufen? Dann habe sich jedes Training, jedes Warten gelohnt.
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 Ein Blick zurück – und nach vorne
Normalerweise sagen eher die Älteren Sätze, die mit „Früher ...“ beginnen. Folgende Sätze im Zusammen- hang mit dem Restart nach der Pandemie dürften jedoch auch die jüngeren Schiedsrichter gerne sagen, findet DFB-Lehrwart Lutz Wagner. Und diese Sätze sind zugleich Hoffnung, wie es auch wieder werden könnte. Früher, ...
... als wir nach dem Spiel noch abgeklatscht haben und in der Kabine ein frisch gezapftes Bier gestanden hat.
... als wir uns im prall gefüllten Vereinsheim zur Theke durchgedrängelt haben, um die Spesen zu holen. Wie war das schön!
... da gab es noch Rudelbildung ohne Maske.
... da konnten wir Nasenspitze an Nasenspitze mit dem Spieler Meinungsaustausch pflegen.
... da konnten wir dem Trainer auch mal die Hand auf die Schulter legen und ihm sagen: „Du siehst müde aus!“ Damit hat man ihm zu verstehen gegeben, dass er sich besser mal wieder hinsetzt.
... da konnten Mannschaft und Schiedsrichter-Team während der Halbzeitpause Wasser aus der Gemein- schaftsflasche trinken.
... da endeten gute Spiele nie am selben Tag.
       









































































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