Page 9 - Schiedsrichter-Zeitung
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Kein Training, kein Spielbetrieb. Man konnte in den vergangenen Monaten den Eindruck bekom- men, der Amateurfußball in Deutschland sei
eingeschlafen. Doch keineswegs: Er ruht nur! „Es wird der Tag kommen, an dem es wieder losgeht. Darauf müssen wir vorbereitet sein“, sagt DFB-Lehrwart Lutz Wagner. Der 58-jährige ehemalige Bundesliga-Schieds- richter und amtierende Coach der besten Unparteii- schen hierzulande hielt auf Einladung der Kreis-Schieds- richter-Vereinigung und des Fußballkreises Offenbach (Hessen) einen viel beachteten Online-Vortrag, der zudem auf Youtube übertragen wurde. Der Titel lau- tete: „Restart 2021 – Die Wahrheit liegt noch immer auf dem Platz“.
Bis auf so manchen Unparteiischen, der im Profifußball aktiv ist, herrscht seit Langem pandemiebedingt totale Abstinenz. „Was uns eint, ist die Ungewissheit, wann es weitergeht, aber natürlich auch die große Hoffnung, dass es weitergeht – und vor allen Dingen in unserem Sinne“, beginnt der redegewandte Fußball-Funktionär und -Liebhaber seinen kurzweiligen, knapp einstündi- gen Vortrag. Lutz Wagner streut an dieser Stelle gleich den ersten seiner zahlreichen markanten Sprüche ein: „Die wahren Helden pfeifen auf roter Erde.“
„Was wir brauchen, auch wenn wir heute Videoportale und alle Fernsehkanäle haben: Wir brauchen Spiele, wir brauchen Praxis“, fährt Wagner fort. Jeder will wieder auf den Platz, will wieder Spiele leiten oder auch spie- len. Der Unparteiische braucht das Feeling, den Rhyth- mus – und was er auch braucht, sind gewisse Automa- tismen, er braucht Sicherheit. „Und die gibt’s nun einmal nur auf dem Platz und durch Spieleinsätze.“ Es sei eben nicht so, dass die Selbstverständlichkeiten gleich wie- der funktionieren, wenn man sofort wieder einsteigt ins Fußballgeschäft. „Da müssen wir uns erst einmal fragen: Wo stehe ich denn eigentlich auf dem Platz? Wo muss ich hinschauen beziehungsweise wer im Team schaut wohin? Wie und wann pfeife ich? Und was passiert, wenn ich gepfiffen habe?“, zählt der DFB-Lehrwart einige ganz einfache Fragen auf, mit denen man nach dem Restart ganz schnell direkt konfrontiert wird.
„Wir sollten uns vor dem ersten Einsatz darüber klar werden: Wir hatten jetzt eine Abstinenz, nun müssen wir wieder rein ins Boot.“ Dazu ist es laut Wagner ganz wichtig, mal wieder die Fußballschuhe anzuziehen und mit ihnen zu laufen. „Passen die überhaupt noch? Die meisten werden während der Pandemie nur in Joggingschuhen trainiert haben.“ Und anschließend raus ins Freie und rauf aufs Feld. „Ihr müsst wieder ein Gespür bekommen für die Größe des Platzes: Macht mal einen Sprint von Eckfahne zu Eckfahne. Oder lauft schiedsrichter-spezifisch von 16er zu 16er – aber rück- wärts. Oder schießt einen Ball auf den Platz, geht 40 Meter weg und sprintet auf den Ball zu, wobei ihr stän- dig die Richtung und das Tempo verändert und dabei stets den Ball im Auge behaltet“, gibt der erfahrene Referee als praktische Tipps. Frei nach dem Motto „Die Wahrheit liegt auf dem Platz“ muss man vor dem ersten Einsatz diese (auf den ersten Blick einfachen) Dinge üben und gewisse Automatismen verinnerli- chen.
Übrigens: Die Mannschaften haben das gleiche Pro- blem. „Jeder Trainer, jeder Spieler, jede Mannschaft: Seid darauf gefasst! Der Leistungsstand des jeweiligen Teams, das ist wie in die Glaskugel schauen“, sagt Wagner. Jeder kommt anders aus der Pandemie heraus, jeder hat einen anderen Leistungsstand, keiner weiß, wo er steht. „Die Fitness: Mit Sicherheit haben alle trainiert. Aber nichts ersetzt die Wettkampfpraxis.“ Mit fortschreitender Spiel- zeit kann sich so mancher Akteur seine Kräfte nicht mehr genau einteilen, da kann es schon mal problematisch für den Unparteiischen werden. „Die Koordination passt vielleicht nicht mehr so, das Timing im Zweikampf ist mangelhaft: Da kommt man mal einen Schritt zu spät, es passieren zunehmend mehr Stockfehler.“
Der Lehrwart präsentiert an dieser Stelle zwei Beispiele für Situationen, die sich Mannschaften überlegt haben. Sie sollen den Gegner überraschen, könnten aber auch den unaufmerksamen Schiedsrichter auf dem falschen Fuß erwischen. Wagner fordert: „Der Schiedsrichter muss vorbereitet sein.“ In der Sprache der FIFA heißt das auf Englisch: Be prepared! „Das ist der Schlüssel zum Erfolg. Jemand, der vorbereitet ist, reagiert anders und besser als jemand, der nicht vorbereitet ist“, sagt der 58-Jäh- rige.
Es gehe ja meistens um das Entscheiden – und am Ende um die Frage: War es richtig oder falsch? „Dabei ist ganz wichtig: Bevor wir entscheiden, müssen wir eine Szene erst mal bewerten. Bevor wir aber unsere Kompetenz einbringen und die Szene bewerten, müssen wir sie erst mal sehen. Und wenn wir sie nicht sehen, können wir noch so kompetent sein, es hilft uns nichts.“ Wenn der Referee, so der DFB-Referent weiter, eine Szene erken- nen wolle, müsse er sie erahnen: „Ich muss vorher schon in Gedanken darauf vorbereitet sein, dass dies oder jenes passieren kann, dann stehe ich richtig. Wenn ich richtig stehe, kann ich die Situation auch erkennen und dann kann ich sie auch bewerten und fachkompetent ent- scheiden.“ Wer vorbereitet sei, habe einen größeren und höheren Wirkungsgrad beim Erkennen. Das sei nachge- wiesen.
Schiedsrichter müssten sich zudem permanent mit Ver- änderungen auseinandersetzen, sagt Wagner. „Wir haben
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Georg Schalk
DFB-Lehrwart Lutz Wagner bei der Online-Veranstaltung der Offenbacher Referees.
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