Page 23 - Schiedsrichter-Zeitung
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Dass der Torhüter in Mannschaftssportarten wie dem Fußball eine Sonderrolle einnimmt, die auch mit besonderen Rechten und Regeln ein-
hergeht, ist zwar eine Binsenweisheit. Dennoch tut man als Schiedsrichter gut daran, sich immer wieder klarzumachen, was das genau bedeutet und welche Herausforderungen für die Unparteiischen damit ein- hergehen. Das Privileg des Keepers, den Ball im eigenen Strafraum mit den Händen berühren, aufneh- men, abklatschen, fangen und fausten zu dürfen, um ein Tor des Gegners zu verhindern, führt immer wie- der zu Zweikämpfen, die sich von jenen zwischen Feldspielern unterscheiden. Etwa dann, wenn der Torwart beim Versuch angegangen wird, den Ball mit den Händen abzuwehren oder unter Kontrolle zu bringen. Oder wenn er seine Hände einsetzt, um einen Gegner, der ihn umspielen will, vom Ball zu trennen.
Um die Schlussleute ranken sich zudem mancherlei hartnäckige Mythen. Mit einem davon räumte schon vor sechs Jahren die „Regelecke“ auf der Website des DFB auf. Dort heißt es seitdem: „Eine weit verbreitete Mei- nung auf nahezu jedem Fußballplatz der Republik ist, dass der Torwart in seinem Torraum einen besonderen Schutz genießt. Blickt man ins Regelwerk, stellt man fest, dass dem gar nicht so ist. Neben dem Schutz, dass der Torwart nicht angegriffen werden darf, wenn er den Ball hält, gibt es keine weiteren Bestimmungen dazu. Lediglich in den FIFA-Auslegungen findet man noch den Hinweis, dass der Torwart nicht unfair bedrängt werden darf. Dies gilt beispielsweise bei einem Eck- oder Frei- stoß.“
Es ist also keineswegs so, dass jeder Körperkontakt mit dem Torhüter im Torraum abgepfiffen werden muss, auch wenn der Keeper selbst und seine Mitspieler oft vehement reklamieren, sobald es zu einem solchen Kon- takt kommt, aber kein Vergehen vorliegt. Diese Emoti- onalität hängt zweifellos auch damit zusammen, dass die Gefahr eines Gegentreffers deutlich steigt, wenn der Torwart geschlagen ist und dadurch keine Chance mehr hat, an den Ball zu kommen. Auf der anderen Seite sind das Rempeln und das Anspringen des Torhüters selbstverständlich genauso verboten, wie das auch bei einem Feldspieler der Fall ist. Und wer die Arme des Schlussmanns beiseitestößt, während dieser gerade den Ball fangen oder fausten will, handelt ebenfalls regel- widrig.
Zugleich sind immer dann die volle Aufmerksamkeit und Konzentration des Unparteiischen gefordert, wenn der Torwart sein Tor oder gar den Strafraum verlässt, um einen Ball abzuwehren. Denn dabei geht er oft ein hohes Risiko ein: Erreicht er den Ball nicht, dann erhöht sich die Wahrscheinlichkeit eines Gegentreffers deutlich – und wenn er dann noch einen gegnerischen Spieler zu Fall bringt, ist eine Persönliche Strafe meist unumgäng- lich. Der Referee muss in solchen Situationen den Fokus voll auf den Torhüter und einen möglichen Zweikampf richten und genau beobachten, ob, wann und wie der Ball gespielt oder ein Gegner getroffen wird. Dabei besteht natürlich auch die Möglichkeit, dass der geg- nerische Akteur zu Boden geht, ohne vom Keeper gefoult worden zu sein. Diese Gemengelage in einer brisanten, torgefährlichen Situation macht die Entscheidung oft nicht gerade einfacher.
In unserer Analyse werfen wir diesmal einen Blick auf insgesamt acht Szenen aus der vergangenen Saison, in denen der Torhüter im Mittelpunkt steht: In jeweils zwei Fällen geht es um Rettungsaktionen außerhalb respek- tive innerhalb des Strafraums, in zwei weiteren um Klä- rungsversuche nach einer missglückten Ballannahme und in den letzten beiden um das Fangen oder Fausten des Balles mit Gegnerkontakt.
1 Borussia Mönchengladbach – Werder Bremen (17. Spieltag)
Die Mönchengladbacher schlagen einen langen Ball in die Spitze auf Jonas Hofmann, der sich ein Laufduell mit seinem Gegenspieler Miloš Veljković liefert. Unterstüt- zung bekommt der Bremer von Jiří Pavlenka, der aus seinem Tor und sogar aus dem Strafraum eilt, um zu klären. Seine Hände darf er dazu nicht benutzen, des- halb versucht er es mit dem Kopf (Foto 1a). Doch Pav- lenka verfehlt den Ball knapp, genauso wie Hofmann (weißes Trikot, Nr. 23), den er bei seinem Sprung mit dem Arm und einem Teil seines Oberkörpers an der Schulter trifft (Foto 1b).
Beide Spieler gehen zu Boden, der Schiedsrichter unter- bricht die Partie mit einem Pfiff. Er muss nun entschei- den, ob Pavlenka mit seinem Foul eine offensichtliche Torchance vereitelt hat und deshalb mit einem Feldver- weis zu bestrafen ist. Der Unparteiische beschließt jedoch, es bei einer Verwarnung für den Torwart der Gäste zu belassen. Damit liegt er genau richtig. Denn
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Alex Feuerherdt und Rainer Werthmann
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      2A
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2a_Sommer kommt zu spät und trifft nicht den Ball, sondern das Schienbein von Córdoba.
2b_Dadurch bringt er den Angreifer zu Fall und verhindert so eine offensichtliche Torchance. Deshalb wird er des Feldes verwiesen.
   http://bit.ly/SZ-04-21-Szene-02
 
















































































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