Page 29 - Schiedsrichter-Zeitung
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zu. Es entwickelte sich aus den ehemals oft defensiv orientierten Spielkonzepten in den vergangenen Jahr- zehnten ein planvolles Offensivspiel, in das die Torhüter zunehmend eingebunden wurden. Der DFB schreibt in seiner WM-Analyse von 2018 dazu: „Ein mitspielender Torwart, der unter anderem als Impulsgeber und erster Angreifer agiert, ist inzwischen Standard im Spitzenfuß- ball.“
Manuel Neuer sorgte bereits bei der Fußball-WM 2014 in Brasilien für diese neue Philosophie des Torwartspiels. Im Achtelfinale gegen Algerien kam er oft aus dem Tor heraus und dribbelte den Ball weit in Richtung Mittel- linie, um einen neuen Angriff einzuleiten. An die Gefahr für das eigene leere Tor, wenn ein solcher Ball einmal vom Gegner abgefangen wurde, dachte er nicht. Zudem riskierte er bei einem Ballverlust, verbunden mit einer regelwidrigen Attacke gegen einen Gegner, die Rote Karte wegen einer Notbremse.
Parallel zu der veränderten Rolle des Torwarts glich das International Football Association Board (IFAB) die Spiel- regeln bezüglich des Torwartspiels mehrfach dem aktu- ellen Geschehen an. So genießt der Keeper zwar nach wie vor einige Sonderrechte, gleichzeitig werden ihm aber auch Pflichten auferlegt, die regeltechnische Bestimmungen beim Spiel mit dem Ball betreffen.
Als eine für das Torwartspiel entscheidende Regelän- derung erwies sich zum Beispiel die „Rückpassregel“, die 1992 von der FIFA eingeführt wurde. Seitdem darf ein Torwart den Ball nicht mit den Händen berühren, wenn dieser ihm absichtlich von einem Mitspieler zuge- spielt oder zugeworfen wird.
Ausgehend von der Brisanz, die sich aus den Rechten und Pflichten des Torwarts ergeben kann, lautet das Thema des aktuellen DFB-Lehrbriefs Nr. 98: „Der Tor- wart und sein besonderer Status“. In den darin darge- stellten Vorschlägen zur Lehrarbeit sprechen die Ver- fasser vier Schwerpunkte an:
• Die grundsätzlichen Rechte und Pflichten des Torwarts • Vergehen durch den Torwart
• Vergehen gegen den Torwart
• Der Torwart bei der Strafstoßausführung
EIN BLICK INS REGELBUCH
Hinweise auf die Ausnahmestellung des Torwarts gibt es in den Regeln 3 und 4. Dort wird davon gesprochen, dass zu einem Team elf Spieler gehören, „von denen einer der Torhüter ist“. Dessen Pflicht ist es, sich durch die Kleidung von den anderen Spielern und vom Schieds- richter zu unterscheiden.
Ein Spiel darf erst dann beginnen, wenn sich bei beiden Mannschaften ein Torwart auf dem Spielfeld befindet. Der Schiedsrichter muss dies vor dem Anpfiff zur ersten und zweiten Halbzeit kontrollieren. Kommt es während des Spiels dazu, dass der Torwart ausgetauscht werden muss, so ist das nur möglich, wenn seine Mannschaft das Auswechselkontingent noch nicht ausgeschöpft hat. Andernfalls kann er nur durch einen Spieler ersetzt
werden, der sich bereits auf dem Spielfeld befindet – und der sein Spielertrikot dann mit dem Dress des Tor- warts tauscht. Ein solcher Torwarttausch muss in einer Spielunterbrechung erfolgen und dem Schiedsrichter mitgeteilt werden.
In Regel 12 wird der besondere Schutz des Torhüters deutlich. So darf dieser nicht mehr attackiert werden, sobald er den Ball am Boden oder in der Luft mit der Hand kontrolliert. Darüber hinaus ist es nicht erlaubt, den Torwart anzugreifen, während er den gefangenen Ball wieder ins Spiel bringen will oder diesen auf den Boden prellt. Auch darf er bei einem Eckstoß oder Frei- stoß nicht behindert oder bedrängt werden.
Kann der Torwart den Ball während des laufenden Spiels fangen, muss er ihn innerhalb von sechs Sekunden wie- der freigeben. Die Praxis hat gezeigt, dass der Schieds- richter dies nicht mit der Stoppuhr in der Hand kontrol- lieren sollte. Verstößt der Torwart jedoch trotz Ermahnung wiederholt gegen diese Bestimmung, gibt es einen indirekten Freistoß.
Wie anfangs angesprochen, ist eine solche Spielstrafe gegen den Torwart auch dann zu verhängen, wenn ihm der Ball von einem Mitspieler beim Einwurf zugewor- fen wird und er ihn dann mit den Händen aufnimmt – oder wenn er ihn von einem Mitspieler mit dem Fuß absichtlich zugespielt bekommt und nun mit der Hand berührt.
Zu den Vergehen durch den Torwart, die in dieser Lern- einheit angesprochen werden, gehört auch die „Not- bremse“ – dazu steht eine Vielzahl detaillierter Hinweise in Regel 12. In diesen Textstellen wird deutlich, dass immer dann ein Feldverweis auszusprechen ist, wenn der Torhüter die klare Torchance des Gegners dadurch verhindert, dass er den Ball außerhalb des Strafraums absichtlich mit der Hand spielt oder einen Angreifer regelwidrig zu Fall bringt. Gerade zu dieser Bestimmung im Regelwerk gibt es eine Vielzahl von aktuellen Video- szenen, die die Verbandslehrwarte vom DFB regelmäßig ausgehändigt bekommen. Das Lehrprogramm in den Fußballkreisen und Gruppen kann damit anschaulich ergänzt werden.
Bei der Strafstoß-Ausführung muss der Unparteiische darauf achten, dass der Torwart die Torlinie erst dann verlassen darf, wenn der Ball getreten wurde. Versucht der Keeper, den Schützen in irgendeiner Form zu pro- vozieren, oder nimmt er seine vorgeschriebene Posi- tion zwischen den Pfosten nicht ein, dann wird er zunächst ermahnt, im nächsten Schritt verwarnt.
Bei der Arbeit mit dem aktuellen Lehrthema gehen die Verfasser des DFB-Lehrbriefs vom klassischen Lernmo- dell „Einleitung – Hauptteil – Schluss“ aus. Als Einstieg schlagen sie ein Impulsreferat vor, in dem der Lehrwart zunächst die theoretischen Grundlagen zum Torwart- spiel anspricht. In der anschließenden Arbeitsphase werden Videoszenen aus der Bundesliga und von inter- nationalen Spielen analysiert. Abschließend folgt als Lernkontrolle ein Fragebogen mit zehn Regelfragen zum Thema „Torwartspiel“.
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