Page 31 - Schiedsrichter-Zeitung
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Tatort Schötmar, ein 9.000-Seelen-Ortsteil von Bad Salzuflen, 28. April 2019. Der Rettungssanitäter Marc Köppe leitete die Kreisliga-A-Partie TSV Schötmar gegen den TBV Lemgo II als sogenannter Austausch- Schiedsrichter aus dem Kreis Herford, der mit den umlie- genden Kreisen häufig Referees wechselte. „Das Spiel lief eigentlich ganz normal – bis zur Szene in der Nachspielzeit“, erinnert sich Marc Köppe. Denn da entschied er auf Straf- stoß für die Gäste und auf „Rot“ für einen Schötmarer Spie- ler. Für die Brüder Yasin und Gökhan K. (26 und 29 Jahre alt) im TSV-Trikot ein Anlass, um komplett auszurasten.
Köppe wundert das bis heute: „Aus meiner Sicht war das eine klare Situation: Notbremse, Elfmeter und Rote Karte. Es war keine Situation, die für mich sonderlich umstritten war oder über die ich lange nachdenken musste. Aber das sahen diese beiden Herren ganz offensichtlich anders.“
Inzwischen hat er genügend Abstand, um die damals bedrohliche Situation mit etwas Ironie und Humor zu beleuchten: „Der eine wollte mit meiner Mutter Sex, hat er zumindest gesagt. Der andere wollte mir direkt eine verpassen. Natürlich ergab sich auch eine Rudelbildung, das war dann schnell unübersichtlich. Als die anfingen, auf mich loszugehen, bin ich lieber gelaufen. Die haben mich von einem Strafraum zum anderen getrieben, bis einer mich erwischte und zu Boden gestoßen hat.“ Erst jetzt kommen Ordner hinzu, die ihm zur Hilfe eilen. „Danach bin ich regelrecht vom Platz geflüchtet, so muss man das nennen.“ Klare Konsequenz: Spielabbruch!
Köppe war nach dem Vorfall weder psychisch noch phy- sisch in der Lage, zu Ende zu pfeifen. Denn: Beim Sturz verletzte sich der Referee an der Schulter. „Das war eine Sehnenverletzung. Da hatte ich einige Tage mit zu tun. Es ist aber Gott sei Dank nichts davon zurückgeblieben.“
Im Gegensatz zu den psychischen Folgen. „Ich hatte die Spiele danach natürlich ein mulmiges Gefühl. Du kennst die Statistiken. Du weißt, dass so etwas selten passiert – und mir selbst ja zuvor auch noch nicht.“ Köppe pfeift seit mehr als zehn Jahren. „Aber trotzdem ändert so ein Vorfall einfach deine Einstellung zu dei- nem Hobby. Es macht ab diesem Zeitpunkt einfach weniger Spaß, weil immer etwas Angst mitschwingt.“
Auch der Gedanke, als Schiedsrichter aufzuhören, sei mehrmals aufgekommen. „Ich habe mir dann aber auch gesagt: Ich will mir von zwei Leuten nicht mein Hobby kaputtmachen lassen. Dafür pfeife ich zu gerne. Und ich wollte denen auch nicht so eine Macht über mich geben.“
Stattdessen ging er gemeinsam mit Spruchkammer und Gericht gegen die beiden Schläger vor, zeigte beide an. Sein Glück: Handyvideos dokumentierten den Vorfall, weswegen die Brüder auch ihre Tat gestanden. „Ihnen blieb nichts anderes übrig. Es gab erstens genügend Zeugen – und außerdem sprach das Video Bände. Es war aber reiner Zufall, dass das gemacht wurde. Ein Gästefan hat das gedreht.“ Besonders dreist: Vor der Spruchkammer erklärten die Spieler noch, Köppe habe sie zu der Gewalt-Aktion aufgewiegelt. „Für die beiden war ich der Schuldige. Das war Larifari, die haben Aus- reden gesucht.“
Das Urteil: ein halbes Jahr sowie ein Jahr Sperre. „Die kamen da schon irgendwie mit einem blauen Auge davon – zumindest fühlte sich das für mich so an. Vor dem Amtsgericht war das aber anders. Da hast du den beiden schon angesehen, dass sie merken, was sie ange- richtet haben. Auch für sich selbst. Es macht schon einen Unterschied, ob du eine kleine Spielsperre bekommst oder vor Gericht mit deinen Taten konfrontiert wirst.“
Das Amtsgericht Herford brummte dem 29-jährigen Haupttäter fünf Monate Haft auf Bewährung auf, er musste dazu noch 3.600 Euro an eine soziale Einrichtung zah- len. Sein Bruder wurde zu einer Geldbuße in Höhe von 4.500 Euro verurteilt. Beide sind dadurch vorbestraft.
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Bernd Peters
„Wichtig ist, dass man allen im Fußball immer klarmacht, was geht
und was nicht.“
Marc Köppe, Kreisliga-Schiedsrichter
Der Amtsrichter machte bei der Urteilsverkündung klar, dass auch eine Haftstrafe ohne Bewährung im Raum gestanden hätte, aufgrund der Geständnisse aber davon gerade noch einmal abgesehen wurde. Strafmildernd wurde auch gewertet, dass sich die Brüder in der Zwi- schenzeit beim Schiedsrichter für ihren gewalttätigen Ausraster entschuldigt hatten. „Das habe ich auch ange- nommen“, sagt Köppe. „Es wirkte schon ernst gemeint. Es kam aber sehr spät, erst bei der Gerichtsverhandlung. Laut Unterlagen hätten sie sich schon damals entschul- digt, auf dem Platz. Aber das stimmt nicht.“
Yasin und Gökhan K. ließen eine Anfrage der Schieds- richter-Zeitung zu den Vorfällen unbeantwortet. Vor Gericht erklärten sie nur, sie hätten den Referee „aus der Emotion heraus“ angegriffen. Kriminologin Dr. Thaya Vester, die als Sachverständige zur Gerichtsverhandlung geladen war, kommentierte das so: „Wer Gewalt gegen Schiedsrichter für normal hält, hat eine verschobene Wahrnehmung, die korrigiert werden muss.“
Dem kann Marc Köppe nur zustimmen: „Wichtig ist, dass man allen im Fußball immer klarmacht, was geht und was nicht. Und dass denen, die diese Grenzen über- schreiten, heftige Sanktionen drohen. Denn sonst machen die das wieder. Wir werden solche Vorfälle nie ganz ausschließen können. Aber ich hoffe, dass mein Fall und der Umgang damit einen Weg aufzeigen, wie wir sie minimieren können.“
Ein Handyvideo dokumentiert den Vorfall beim Kreisliga- A-Spiel des TSV Schötmar gegen den TBV Lemgo II.
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