Page 6 - DFB-Schiedsrichterzeitung 01-2019
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       TE X T                 er Frankfurter Flughafen. Bis zu 240.000 Flug-  Etwa die Hälfte des Programms absolvieren Obleute und
       Tobias Altehenger      gäste am Tag, ein internationales Drehkreuz. Hier   Lehrwarte zusammen. Dabei geht es oft um Grundsätz-
                        D treffen Geschäftsleute auf Touristen, Familien   liches, Informationen aus der zehn Kilometer entfernten
                        auf Vielflieger. Menschen, die durch riesige Hallen has-  DFB-Zentrale etwa. Florian Götte, der dort als Abteilungs-
                        ten, um gerade noch ihren Flug zu erwischen, andere,   leiter für den Schiedsrichterbereich arbeitet, referiert zu
                        die gemütlich an den Flughafenbars sitzen und schon   der Frage, wie man sich in Zukunft strukturell aufstellen
                        voller Vorfreude über die bevorstehende Reise spre-  will. Sebastian Schmidt von der DFB-Abteilung „Gesell-
                        chen. Es ist Freitagmittag und es wird gerade kalt in   schaftliche Verantwortung“ spricht darüber, wie E-Lear-
                        Deutschland. Einige flüchten in die Sonne, andere kom-  ning-Methoden bei Fragen von Gewaltprävention und
                        men nach einer Geschäftsreise zurück nach Hause.   Antidiskriminierung helfen können. Um Gewaltpräven-
                          Wieder andere warten auf ihren Shuttlebus: Ein Arbeits-  tion geht es auch bei dem kombinierten Vortrag von
                        wochenende steht an. Die Vorsitzenden der Verbands-  Thaya Vester, Marc List und Thomas Kirches. Bei diesen
                        schiedsrichterausschüsse und die Lehrwarte der 21 Lan-  Themen hören Lehrwarte und Obleute gleichermaßen
                        desverbände machen sich auf den Weg zu ihrem   interessiert zu, die andere Hälfte des Programms absol-
                        Tagungshotel.                                vieren sie jedoch in ihrem jeweiligen Fachbereich.

                        Einmal im Jahr kommen Obleute und Lehrwarte in Frank-  L E HR WA R T E:  S C H U L U N G  A NH A ND  VON
                        furt/Main zusammen, um sich auszutauschen, sich auf   „ B O RD E RL INE -S Z E NE N “
                        den neuesten Stand zu bringen und sich für die Zukunft
                        aufzustellen. Austauschen, das bedeutet in den forma-  „Diese Mauer steht maximal sechs Meter weg! Bei einer
                        len Restriktionen einer Tagesordnung oft eher Plenum   Fußball-Weltmeisterschaft! Freunde, das geht einfach
                        als vis-à-vis, eher Frontalunterricht als Dialog. Doch   nicht!“ Lutz Wagner schüttelt den Kopf. Der DFB-Lehr-
                        wofür gibt es Kaffeepausen? Hier suchen Obleute und   wart steht in einem halbrunden Seminarraum vor einer
                        Lehrwarte bei Espresso und Petit Fours das informelle   großen Leinwand, wie üblich mit einer Reihe von Video-
                        Vier-Augen-Gespräch. Zwar sieht man sich nicht allzu   szenen im Gepäck. In der aktuellen Szene im Bild zu
                        oft, doch man kennt und schätzt sich, sodass jede Gele-  sehen ist Schiedsrichter Malang Diedhiou aus dem Sene-
                        genheit genutzt wird, um sowohl von den Innovationen   gal, der die Markierung für die Mauer tatsächlich deut-
                        wie auch von den Problemen im eigenen Landesverband   lich zu nah am ausführenden Edinson Cavani auf den
                        zu berichten – und natürlich auch zu hören, wie es die   Rasen sprüht. Als sich der Uruguayer deshalb beschwert,
                        Kollegen machen.                             sprüht Diedhiou kurzerhand eine zweite Linie für die
                                                                     russische Mauer, diesmal an der richtigen Stelle. „Und
                        L E T Z T E TAG U N G M I T H E L M U T G E Y E R  da frage ich mich, wofür war denn dann eigentlich die
                                                                     erste Linie?“, ruft Wagner in die Runde und beantwortet
                        „Wir können bei dieser Tagung alle voneinander profi-  die Frage, als sich der Schiedsrichter in der Videose-
                        tieren“, sagt Helmut Geyer, der Chef der Schiedsrich-  quenz selbst auf diese Linie stellt: „Ach, die war für den
                        terkommission Amateure. „Jeder der 21 Landesverbände   Schiedsrichter!“
                        hat seine eigenen Ideen, wie er mit den Herausforde-
                        rungen des Tagesgeschäfts umgeht.“ Und Geyer fügt   Die Lehrwarte lachen. Die Tagung neigt sich schon dem
                        schmunzelnd hinzu: „Eigentlich denkt auch jeder, dass   Ende entgegen und Wagner zeigt zum Abschluss noch
                        er es selbst am besten macht. Trotzdem kann der Blick   ein paar kuriose Szenen aus den vergangenen Monaten:
                        zum Nachbarn ja nur hilfreich sein.“ Unter dieser Über-  „Die Lehrwarte haben vorher viele Stunden konzentriert
                        schrift steht auch die Einladung von Claudio Bernold   gearbeitet, da ist es doch schön, wenn man am Ende
                        aus dem Schweizerischen Fußballverband (siehe Inter-  auch mal über solche Szenen diskutieren kann“, erklärt
                        view), über dessen Kommen sich Helmut Geyer   der Hesse. „Das bleibt im Kopf hängen, da erinnern wir
                        be sonders freut. Für den Schwaben selbst ist es die   uns teilweise Jahre später noch dran.“
                        letzte Tagung, die er leitet. Bei der nächsten Wahl im
                        Herbst wird er nicht mehr für den Vorsitz der Schieds-  Zuvor stand für die Lehrwarte allerdings ein anspruchs-
                        richterkommission Amateure kandidieren – „Funktio-  voller und intensiver Austausch auf der Tagesordnung –
                        närsruhestand“, so sagt er selbst.           fachlich wie methodisch. „Wenn die Mannschaften in
                                                                     der Bundesliga anders spielen, dann übernehmen die
                                                                     Mannschaften im Amateurbereich diese Trends“, erläu-
                                                                     tert Wagner, „wir haben deswegen bei den mehr als
                                                                     80 Videosequenzen, die wir zusammen analysiert haben,
                                                                     vor allem die Bereiche Umschaltspiel, Spieleröffnung
                                                                     und Standardsituationen in den Vordergrund gerückt.“
                                                                     Mehr als 40 Prozent der Tore fallen inzwischen nach
                                                                     Standardsituationen – für die Lehrarbeit bedeutet das,
                                                                     Dinge wie das richtige Stellungsspiel stärker in den Vor-
                                                                     dergrund zu rücken. „Unser Ziel ist es, bei den Schieds-
                                                                     richtern das Antizipieren zu fördern und sie situativ opti-
       Für Helmut Geyer war                                          mal auf diese Situationen einzustellen.“
       es die letzte Obleute-
       Tagung, bevor er 2019
       in den „Funktionärs-                                          Es ist die Regelauslegung, die bei dieser Tagung ein-
       ruhestand“ geht.                                              deutig im Mittelpunkt steht. Die Lehrwarte diskutieren
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