Page 5 - DFB-Schiedsrichterzeitung 2/2018
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oder eher Geschubse nach einem Foul? Wie aggressiv
werden die Zweikämpfe geführt, wie akzeptieren die ZU R
Spieler die Schiedsrichter-Entscheidungen? All das bleibt
nicht immer gleich, sondern wechselt während eines PE RS ON
Spiels, beeinflusst durch Tore, Karten und das Verhalten
Einzelner. Meist ist das eine Entwicklung über mehrere
Minuten und lässt sich mit dem nötigen Einfühlungs-
vermögen daher ganz gut „lesen“.
Wie wichtig ist es für die Spielleitung eines Schieds-
richters, mit den Spielern zu kommunizieren?
Das halte ich für eine absolute Kernkompetenz. Kommu-
nizieren bedeutet nicht nur reden, sondern besteht aus Markus Schmidt ist aktuell der dienstälteste Bun-
Mimik, Gestik und Körpersprache. Selbst über die Art des desliga-Schiedsrichter. Der 44-Jährige steht seit
Pfiffs kommuniziere ich, wie schwerwiegend ich ein Foul 1997 auf der DFB-Liste, kam ein Jahr später in die
einordne und welches Verhalten ich insgesamt dulde und 2. Bundesliga und pfeift nun schon seit 2003 in der
welches nicht. Dazu kommen dann noch die passenden Bundesliga. Mittlerweile hat er 154 Partien im deut-
Worte zur passenden Zeit. Egal, was ich mache – ich kom- schen Oberhaus geleitet (Stand: 28. Februar).
muniziere immer. Daher ist es wichtig, möglichst bewusst Markus Schmidt pfeift für den SV Sillenbuch (Stadt-
und wirkungsvoll meine Kommunikationsmittel einzu- teil von Stuttgart).
setzen. Und dann gibt es ja noch ein Werkzeug, das einem
im Alltag manchmal fehlt – die Sprache der Karten.
Sind Regelsicherheit und körperliche Fitness nicht Ist da eher die ruhige, besonnene Variante angesagt,
bedeutsamer? oder sollte man eher mal aus sich rausgehen und ver-
Sie sind so etwas wie die Basis, die notwendige Bedingung bal „auf den Putz hauen“, damit alle merken, dass nun
für eine gute Spielleitung. Wenn ich hinterherrenne und die Grenze erreicht ist?
außer Atem bin, kann ich kaum die passenden Worte fin- Ich finde, die Mischung macht’s. Eltern sprechen ihre
den. Wer als Schiedsrichter ernst genommen werden will, Kinder ja auch in sehr unterschiedlichen Tonarten an,
muss schon sein Handwerkszeug beherrschen, aber das damit sie Gehör finden. Aber eine Chance auf die beson-
allein macht noch niemanden zu einem guten Spielleiter. nene Variante bekommt jeder Spieler bei mir – die meis-
ten nutzen sie zum Glück ...
Wie sollte ein guter Schiedsrichter Spieler anspre-
chen? Muss er sie stets „siezen“? Welche Tipps können Sie einem jungen, eher unerfah-
Das kommt drauf an. Ich habe als junger Schiedsrichter renen Referee geben, der sich unsicher fühlt, wie er
den alten Zweitliga-Haudegen Willi Landgraf anfangs raffinierte Spieler am besten ansprechen soll?
gesiezt und mich dann gewundert, dass er so gar nicht Ich habe schon gesagt: Kommunikation ist wesentlich
meinen Anweisungen folgen wollte. Bei ihm war ein mehr als „nur“ reden. Jeder kann sich also Verhaltens-
kerniges „Du“ deutlich erfolgreicher. Offiziell sollte man weisen aneignen, die eine gewisse Sicherheit demons-
Spieler siezen, aber ein respektvolles „Du“ kann oft wir- trieren, zum Beispiel durch eine selbstbewusste, ruhige
kungsvoller sein als ein gekünsteltes „Sie“. Auch Spieler, Körpersprache. Aber nicht übertreiben, sonst wirkt sie
die ich schon viele Jahre kenne und mit denen ich per arrogant und überheblich, und der Schuss geht nach
Du bin, sieze ich natürlich nicht. Es ist also für mich hinten los! Bei abgezockten Spielern ist es besonders
weniger eine Frage, ob „Du“ oder „Sie“, sondern viel- wichtig, die Ansprache entsprechend dem Vergehen zu
mehr eine Frage der inneren Haltung gegenüber Spie- wählen: Hat ein solcher Spieler durch ein kerniges Foul
lern, die seitens des Unparteiischen von Respekt und ein Zeichen gesetzt, akzeptiert er auch eine deutliche,
Anstand geprägt sein muss. publikumswirksame Ansprache. Kleinere Gemeinheiten
sollte man dagegen eher „unter vier Augen“ oder im
Wann sollte der Schiedsrichter einen Spieler anspre- Vorbeilaufen ansprechen – so zeigt man, dass man als
chen? Bei jedem Pfiff? Nur in Ausnahmefällen? Auch Schiedsrichter „das Spiel durchschaut“ hat, aber man
beim Aussprechen von Persönlichen Strafen? begegnet demjenigen auf Augenhöhe statt als Ober-
Salopp gesagt, wenn es angebracht ist: Wenn ich das lehrer. Das bringt einem Respekt ein.
Gefühl habe, durch Worte auf den Spieler einen Einfluss
zu haben, und diesen nutzen möchte. Aber auf keinen Wie ist das bei Ihnen? Wie viel sprechen Sie mit den
Fall nach jedem Pfiff! Mal muss ich eine Verwarnung Akteuren während eines Bundesliga-Spiels?
durch Worte „verkaufen“ oder unterstreichen, dass es Das kann ich gar nicht generell beantworten, das kommt
schon „dunkelgelb“ war, ein anderes Mal wäre jedes viel auf den Spielertyp an. Grundsätzlich kann jeder
Wort zu viel und würde nur Öl ins Feuer gießen. Als Spieler mit mir reden, wenn er zwei Grundsätze beach-
Faustregel gilt: Nie einen Spieler ansprechen, wenn er tet: Es muss im zeitlichen Rahmen bleiben, wir sind
gerade selber einen auf die Socken bekommen hat – schließlich auf dem Fußballplatz und nicht im Konfe-
dann erst mal abwarten. Ein alter Lehrmeister hat mal renzsaal. Und ich erwarte respektvolles Verhalten. Dann
gesagt: „Wenn der Schmerz nachlässt, setzt der Verstand rede oder lache ich auch gern mal mit einem Spieler,
wieder ein“ – diese Zeit sollte man den Spielern schon das entkrampft die Atmosphäre und sorgt für mehr Mit-
aus Eigennutz unbedingt lassen. einander.