Page 9 - DFB-Schiedsrichterzeitung 2/2018
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wenn sie nach langer Zeit im Krankenstand zumindest lassen. Die Spieler gelangen in diesen Zeitabschnitten
wieder ihre existenzsichernde berufliche Tätigkeit auf- an ihre physische und psychische Belastungsgrenze.
nehmen können. Vor allem in den unteren Amateurklassen führt das häu-
fig dazu, dass Zweikämpfe zunehmend unkontrolliert
Besonders bitter ist es, wenn die Verletzung nicht durch geführt werden und die Verletzungsgefahr ansteigt.
persönliches Pech entsteht, sondern durch die über-
harte oder rücksichtslose Spielweise eines Gegners. In einer Querschnittstudie im Niedersächsischen Fuß-
Manchmal kommen solche Verhaltensweisen auch für ballverband hat man 193 Schiedsrichter befragt. Dabei
den Schiedsrichter wie aus heiterem Himmel. Oft aber wurde – wohl wie erwartet – deutlich, dass mit zuneh-
ist es so, dass der Unparteiische vorbeugend handeln mender Qualität der Sanktion (Ermahnung, Gelbe Karte,
kann, wenn er merkt, dass die „Temperatur“ eines Spiels Rote Karte) die Wirkung auf die Spieler größer wird. So
ansteigt und die Spieler sich nicht mehr auf die Fairness bestätigten zwei Drittel der befragten Unparteiischen,
der Gegenspieler verlassen können. dass sich „mit dem Zeigen einer Gelben Karte gegen
einen Spieler dieser disziplinieren lässt“, mit den Ant-
Dann muss der Schiedsrichter präventiv handeln, noch worten „eher ja“ oder „sicher, in jedem Fall“.
enger am Spielgeschehen sein und mit klaren, für alle
erkennbaren Ansprachen und deutlichen Ermahnungen Außerdem wurde nach Persönlichkeitsmerkmalen eines
die Aggressionen dämpfen. Reicht das nicht umgehend Schiedsrichters gefragt, mit denen dieser seine Spiel-
zur Disziplinierung der Spieler, sind die Gelbe und auch leitung in Richtung Fairness, Respekt vor dem Gegner
die Rote Karte probate Mittel zum Schutz vor weiteren und Achtung der Gesundheit steuern kann. Folgende
überharten Attacken. Kompetenzen wurden dabei von den Befragten beson-
ders hervorgehoben:
Bereits in einer früheren Ausgabe der DFB-Lehrbriefe
(Nr. 42) beschäftigten sich die Verfasser mit der Frage, • Sicherheit im Ansprechen der Spieler (Autorität, Kör-
wie sich Spieler positiv beeinflussen lassen. Dabei wurde persprache, Entscheidungsfreudigkeit, Selbstbe-
die Bedeutung der Persönlichen Strafen herausgestellt. wusstsein, Konsequenz)
Walter Moritz, der bayerische Verbands-Schiedsrichter- • Spielverständnis (Lesen des Spiels in Bezug auf den
Obmann, findet hierzu deutliche Worte: „Leider verste- Spielcharakter, Erkennen der Führungsspieler, Vorteil)
hen manche Spieler oft nur ‚Klartext‘. Sie fordern durch • Regelsicherheit (klare, eindeutige Entscheidungen,
ihre aggressive Spielweise und ihr Verhalten geradezu Fachkompetenz)
die Gelbe Karte ein und spielen erst danach rücksichts- • Berechenbarkeit, Gerechtigkeit, Ehrlichkeit
voller. Auch muss eine solche Disziplinarmaßnahme für • Körperliche Fitness (Präsenz am Geschehen)
den fehlbaren Spieler und für die übrigen Aktiven in der
Außenwirkung als Strafe erkennbar sein, sie darf nicht Auf der Grundlage der Umfrage-Ergebnisse machen
zum bloßen Verwaltungsakt werden. Nur dann hat sie die Verfasser des aktuellen Lehrbriefs deutlich, wie
als Sanktion zugleich eine präventive Wirkung.“ diese Persönlichkeitsmerkmale eingeübt werden kön-
nen und welche Wege ein Schiedsrichter gehen kann,
Untersuchungen haben gezeigt, dass insbesondere in um präventiv zu agieren. Ziel muss es bei diesen Übun-
den letzten Minuten jeder Halbzeit das Verletzungs- gen sein, den Unparteiischen deutlich zu machen, dass
risiko besonders hoch ist, also zwischen der 31. und der sie zu einem fairen Spielverlauf und damit zum Schutz
45. sowie der 76. und 90. Spielminute, wenn die Kondi- der Gesundheit der Spieler wesentlich beitragen
tion und damit einhergehend die Konzentration nach- können.
Die Persönlichen
Strafen zählen zu
den wichtigsten
Werkzeugen des
Referees.