Page 23 - DFB-Schiedsrichterzeitung 05-2018
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ach der Weltmeisterschaft in Brasilien im Som- gespielt worden war, sondern von einem Deutschen, TE X T
mer 2014 fiel das Fazit zu den Leistungen der nämlich von Toni Kroos. Damit lag kein strafbares Abseits Alex Feuerherdt
N Schiedsrichter ausgesprochen kritisch aus, nicht vor. Deshalb erkannte der Schiedsrichter, nachdem er
nur in den Medien, sondern auch unter Fachleuten im sich die Szene zur Sicherheit selbst noch einmal am
deutschen Schiedsrichterwesen. „Die Spieler hatten Monitor an der Seitenlinie angeschaut hatte, den Treffer
keine Orientierung, wo die Grenzen für ein Foulspiel zu Recht doch noch an.
oder eine Persönliche Strafe lagen“, urteilte etwa Lutz
Michael Fröhlich, heute Vorsitzender der DFB-Schieds- Alles in allem war das Einverständnis mit der generellen
richter-Kommission Elite. „Viele Vergehen wurden nicht Linie der Unparteiischen bei dieser WM groß. Im Unter-
erkannt oder unzureichend geahndet“, sagte Hellmut schied zum Turnier des Jahres 2014 versuchten die
Krug, damals Schiedsrichter-Manager der DFL. Schiedsrichter diesmal nicht, das Spiel um jeden Preis
laufen zu lassen, sondern sie gingen gegen rücksichts-
Vier Jahre später ist die Bilanz deutlich besser. In Russ- lose Fouls konsequenter vor. Etwas uneinheitlich war
land haben die Unparteiischen insgesamt überzeugt, allerdings der Umgang mit dem Halten im Strafraum,
bei Spielern, Fans und Medien waren sie nur selten ein wie einige Beispiele verdeutlichen sollen.
Thema. Dazu beigetragen hat ein guter Beginn: Anders
als bei der WM in Brasilien wurden zu den ersten Spie- Im Spiel Kroatien gegen Nigeria wurde ein solches Hal-
len einige der besten und erfahrensten Referees ent- tevergehen vom Schiedsrichter gut erkannt und geahn-
sandt, das sorgte für ein ruhiges Fahrwasser. Auch im det: Nach einem Eckstoß für die Kroaten umklammert
weiteren Verlauf blieben spielentscheidende Fehler William Troost-Ekong im eigenen Strafraum von hinten
weitgehend aus, nicht zuletzt dank der Video-Assisten- mit beiden Armen fest und ausdauernd Mario Mandžukić
ten, mit deren Hilfe sich einige falsche Entscheidungen (Foto 1a). Der kroatische Stürmer versucht zwar noch,
korrigieren ließen. zum Kopfball hochzusteigen, kommt aber wegen des
Haltens nicht an den Ball (Foto 1b). Der Schiedsrichter
Gleich sechsmal kam es in der Nachspielzeit der zwei- hat diesen Zweikampf die ganze Zeit im Blick und ent-
ten Hälfte zu einer solchen Änderung, in vier Fällen hatte scheidet deshalb, ohne zu zögern, auf Strafstoß. Außer-
das unmittelbare Folgen für den Spielausgang. Auch die dem verwarnt er den Nigerianer.
deutsche Mannschaft war einmal davon betroffen. In
ihrer letzten Vorrundenpartie gegen Südkorea hatte der Auch in der Partie Tunesien gegen England ist ein
Schiedsrichter einem Treffer der Koreaner beim Stand Abwehrspieler bei einer Freistoßflanke in den Strafraum
von 0:0 zunächst die Anerkennung verweigert. Denn ersichtlich nicht daran interessiert, den Ball zu erreichen,
der Assistent hatte ein strafbares Abseits des Torschüt- sondern nur daran, einen gegnerischen Angreifer genau
zen angezeigt. davon abzuhalten. Auf Foto 2 erkennt man am rechten
Bildrand, wie der Tunesier Ferjani Sassi seinen linken
Weil der Abseitspfiff des Unparteiischen jedoch erst Arm um den Oberkörper von Harry Kane gelegt hat.
erfolgt war, als der Ball im Tor lag, überprüfte der Video- Während der Engländer auf den heranfliegenden Ball
Assistent die Szene. Dabei stellte er fest, dass der Ball schaut, hat Sassi seinen Blick abgewandt. Er ist vollauf
im Gewühl nicht von einem Koreaner zum Torschützen damit beschäftigt, seinen Gegner zu Boden zu ringen.
1 A 1B
1a_Der Verteidiger
umklammert den
1 Angreifer, …
1b_... wodurch dieser
nicht an den Ball
kommt.
2
2 2_Der Abwehrspieler ist nur damit
beschäftigt, seinen Gegner zu
Boden zu ringen.