Page 24 - DFB-Schiedsrichterzeitung 05-2018
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Leider entgeht dem Schiedsrichter dieser Zweikampf gen hätte. Doch es gibt eben einen Graubereich zwi-
oder er schätzt ihn als nicht strafwürdig ein. Letzteres schen einem Foul und einer „Schwalbe“. Und zu dem
wäre unverständlich, zumal die Regelauslegung des gehören auch Situationen, in denen ein Körperkontakt
Unparteiischen in dieser Begegnung eher kleinlich war. vorliegt, der allerdings nicht ursächlich dafür ist, dass
Ersteres scheint eher möglich angesichts der Vielzahl ein Spieler zu Boden geht oder glaubt, nicht weiterlau-
von Duellen, die sich oft bei Eckstößen und Freistößen fen zu können.
ergeben, die in den Strafraum geschlagen werden. Da
der Schiedsrichter diese Zweikämpfe unmöglich alle Besonders schwierig zu beurteilen sind Zweikämpfe, in
gleichzeitig im Blick haben kann, braucht er auch ein denen Spieler beider Mannschaften einen Gegner hal-
wenig Glück und ein gutes Gespür, um zu ahnen, wo ten, so wie in der Partie Serbien gegen Schweiz. Bei
sich am ehesten ein Vergehen ereignen könnte. In die- einer Flanke in den Schweizer Strafraum wird der serbi-
ser Szene hätte es jedenfalls einen Strafstoß für England sche Stürmer Aleksandar Mitrović (unterer Bildrand, rotes
und eine Verwarnung für Sassi geben müssen. Trikot) von zwei Schweizern gehalten und hält gleich-
zeitig einen davon seinerseits mit dem rechten Arm am
Anders lag der Fall bei einer Szene im Spiel Brasilien Hals (Foto 4a). Als der Ball in seine Nähe kommt, drückt
gegen Costa Rica, die für viel Aufsehen sorgte. Bei einem Mitrović schließlich mit beiden Ellenbogen die Köpfe
Angriff der Brasilianer versetzt Neymar kurz vor dem seiner Gegenspieler zur Seite (Foto 4b).
Torraum seinen Gegenspieler Giancarlo González mit
einer Drehung. Der Costa Ricaner streckt im Fallen kurz Nachdem er so den Ball erreicht und aufs Tor geköpft
den linken Arm heraus (Foto 3a), berührt Neymar dabei hat, unterbricht der deutsche Schiedsrichter Felix Brych
allerdings nur leicht und kann ihn nicht aufhalten. Dass das Spiel und entscheidet auf Freistoß für die Schweiz.
der Brasilianer mit einiger Verzögerung in Rücklage gerät Diese Entscheidung trug ihm später heftige, extrem
(Foto 3b) und nicht mehr weiterläuft, hat mit diesem unsachliche Kritik von serbischer Seite ein (siehe Seite 28).
geringfügigen Kontakt nichts zu tun. Während sich zunächst Spieler beider Teams gegensei-
tig hielten, war das Wegdrücken der Köpfe durch Mitrović
Es ist vielmehr der Versuch, die kaum merkliche Berüh- am Ende des Dreikampfs das deutlichste Vergehen. In
rung dazu zu nutzen, um den Schiedsrichter zu einem keinem Fall konnte der Serbe hier für sich reklamieren,
Strafstoßpfiff zu bewegen. Diesen Versuch untermauert ausschließlich das „Opfer“ gewesen zu sein.
Neymar dadurch, dass er sofort mit aufgerissenem Mund
zum Unparteiischen schaut. Tatsächlich gibt der Refe- Die eine oder andere Diskussion gab es bei der Welt-
ree einen Strafstoß, nimmt ihn auf Intervention seines meisterschaft auch über das leidige Thema Handspiel,
Video-Assistenten und nach einem On-Field-Review etwa im Spiel Südkorea gegen Mexiko: Als der Mexika-
jedoch richtigerweise wieder zurück. Das Spiel wird mit ner Andrés Guardado den Ball vor das Tor bringen will,
einem Schiedsrichter-Ball fortgesetzt. rutscht Hyun-Soo Jang mit seinem ganzen Körper in die
Flanke. Mit dem erhobenen rechten Arm hält er schließ-
Viele haben gefragt, warum Neymar nicht wegen lich den Ball auf (Foto 5). Hier liegt keine natürliche
unsportlicher Täuschung verwarnt wurde, was dann Armbewegung vor, es ist geradezu ein Musterbeispiel
einen indirekten Freistoß für Costa Rica nach sich gezo- für ein strafbares Handspiel. Der Strafstoß, den der Refe-
3A 3B
3a_Die leichte
3 Berührung mit dem
Arm …
3b_... dramatisiert der
Angreifer zu sehr.
4A 4B
4a_Der Stürmer hält
4 und wird gehalten …
4b_... und drückt
die Köpfe seiner
Gegenspieler weg.