Page 21 - DFB-Schiedsrichterzeitung 05-2018
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Die Grundlagen zur Entscheidung auf Vorteil oder auf offenen und versteckten Fouls muss der Unparteiische
den verzögerten Pfiff werden in Regel 5 gegeben. Es deutlich kleinlicher pfeifen als in einem fair geführten
heißt dort: „Der Schiedsrichter hat das Spiel bei einem Fußballspiel mit einer positiven, freundschaftlichen
Verstoß oder Vergehen weiterlaufen zu lassen, sofern Spielatmosphäre.
das regelkonforme Team dadurch einen Vorteil erhält,
und eine Strafe für den Verstoß auszusprechen oder das Die Verfasser des DFB-Lehrbriefs Nr. 80 gehen detail-
Vergehen zu bestrafen, wenn der mutmaßliche Vorteil liert auf das Thema Vorteil ein: In einer Tabelle führen
nicht sofort oder innerhalb weniger Sekunden eintritt.“ sie Bedingungen auf, die Einfluss auf die Entscheidung
des Schiedsrichters haben. Dazu gehören nicht zuletzt
Hinter dieser sprachlich komplizierten Vorgabe steckt die Beschaffenheit des Platzes, die Wichtigkeit des Spiels
folgende Aussage: Ein Schiedsrichter hat, wie bei für eine oder sogar beide Mannschaften sowie auch eine
Jens Lehmann geschehen, die Möglichkeit, nach einem regionale Rivalität zwischen den Teams.
Vergehen sofort zu pfeifen und die entsprechenden
Strafen auszusprechen. Er kann aber auch Vorteil gewäh- Schließlich spielt auch die Spielklasse, in der der Unpar-
ren, sodass das Spiel weiterläuft. Schließlich kann er teiische eingesetzt ist, eine Rolle bei der Anwendung
nach einem solchen Vergehen auch noch einen kurzen von Vorteil. Auf einige Erfahrung hierzu können bereits
Moment warten, um zu sehen, wie sich die Situation Joel Jung (24 Jahre, Südwestdeutscher FV) und Domi-
entwickelt. Erkennt der Referee dann, dass der ange- nik Fober (23 Jahre, Bayerischer FV) verweisen. Die bei-
sprochene Vorteil nicht eintritt, so sollte er das Spiel den Schiedsrichter der B-Junioren-Bundesliga meinten
jetzt mit dem verzögerten Pfiff unter brechen. beim diesjährigen Lehrgang des DFB in Grünberg: „Es
macht einen großen Unterschied, ob wir in der B-Juni-
FA K T O RE N G E G E NE IN A ND E R A B WÄG E N oren-Bundesliga oder im Kreis eingesetzt sind. Je höher
die Spielklasse, umso mehr wollen die Spieler, dass wir
Wichtig ist, dass es sich bei der Anwendung der Vor- das Spiel laufen lassen. Da soll der Spielfluss nur dann
teilsbestimmung um eine Tatsachenentscheidung han- unterbrochen werden, wenn das Zweikampfverhalten
delt. Die Spieler haben keinen Anspruch und kein Recht zu viele Härten aufweist. In den unteren Spielklassen
darauf, dass der Schiedsrichter diese Bestimmung anwen- aber muss man nahezu alles abpfeifen, weil oft schon
det oder dass er das Spiel nach einer Regelübertretung beim kleinsten Foul ziemlich gejammert wird!“
unterbricht. Eine große Schwierigkeit liegt sicher darin,
dass der Referee bei seiner Entscheidung innerhalb von Zur richtigen Entscheidung, ob man ein Spiel nach einem
Sekundenbruchteilen viele Faktoren gegeneinander Foul unterbricht oder nicht, gehören vor allem umfang-
abwägen muss, die für oder gegen die Anwendung von reiche Erfahrungen nach einer Vielzahl von geleiteten
Vorteil sprechen. Spielen. Verbunden damit sind zahlreiche eigene Erleb-
nisse auf dem Fußballfeld, die kritische Reflexion jeder
Kommt es zum Beispiel zu einem schweren Vergehen, Spielleitung und ein intensiver Erfahrungsaustausch mit
das eine Rote Karte nach sich zieht, so muss der Schieds- anderen Unparteiischen.
richter in jedem Fall immer dann das Spiel unterbrechen,
wenn es nicht unmittelbar nach dem Vergehen zu einer Die Möglichkeit einer intensiven Schulung zum Vorteil
klaren Torchance kommt. Der Unparteiische sollte auch bietet der DFB-Lehrbrief Nr. 80, der mehrere Arbeits-
dann ein Vergehen abpfeifen, wenn die Erfolgsaussicht blätter sowie zehn Videoszenen zur Thematik enthält.
eines Angriffs eher gering anzusehen ist, wenn also ein Dabei können die Referees dann auch die Frage nach
Foul weit entfernt vom gegnerischen Tor erfolgt. dem „Was wäre, wenn ...“ intensiv diskutieren. Sie wer-
den am Ende feststellen, dass es den absolut richtigen
Darüber hinaus spielt der Spielcharakter eine bedeu- Weg bei der Frage nach Vorteil nicht gibt, denn letztlich
tende Rolle bei der Anwendung von Vorteil. In einem ist die Entscheidung dazu von mehreren subjektiv zu
überhart geführten, zerfahrenen Spiel mit zahlreichen bewertenden Einflüssen abhängig.
Das Foto zeigt die
anfangs beschriebene
Spielszene aus
dem Champions-
League-Finale 2006
mit Torhüter Jens
Lehmann in der
Hauptrolle.