Page 22 - DFB-Schiedsrichterzeitung 03-2018
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D F B-S CH I E DS R I CH T E R -Z E IT U N G 0 3 | 2 01 8
7A
7 7a_Leon Bailey
spielt den Ball in
Richtung Strafraum.
7B 7C
7b_Kevin Volland
lässt den Ball durch.
7c_Der Abstand zum
Gegenspieler ist
größer, als man glaubt.
http://bit.ly/SZ-07-05
In diesem Moment befindet sich der ursprüngliche Flan- onalität einen geringen Abstand zwischen den beiden
kengeber Nico Schulz zunächst noch mehrere Meter von Spielern suggeriert, lässt der zwar unscharfe, aber den-
Stark entfernt (Foto 6b). Er läuft dann zu dem Berliner und noch aussagekräftige Screenshot (Foto 7c) erkennen,
spitzelt ihm den Ball weg. Der überraschte Stark bringt dass die Distanz zwischen Volland und Kaderabek zu
Schulz daraufhin zu Fall – ein unstrittiger Strafstoß (Foto groß ist, um die Abseitsstellung des Leverkuseners zwei-
6c), Schiedsrichter Deniz Aytekin pfeift sofort. felsfrei als strafbar zu bewerten.
Die Berliner reklamieren, weil Schulz ihrer Meinung nach Dies ist auch ein Beispiel dafür, dass man mit der Ein-
aus dem Abseits kommend ins Spiel eingegriffen habe. schätzung von Abständen zwischen Spielern mithilfe
Das wäre aber nur der Fall gewesen, wenn Schulz sich des Fernsehbildes immer vorsichtig sein muss. Es ist
in einen Zweikampf mit Stark begeben hätte, als der den eben nur hoch und breit, aber nicht „tief“. Diese dritte
Ball noch nicht unter Kontrolle hatte. Dimension bietet sich nur unmittelbar auf dem Platz –
zum Beispiel dem Schiedsrichter.
Da Stark den Ball aber, ohne von Schulz attackiert wor-
den zu sein, kontrolliert hat, begann in diesem Moment Und dass Volland „versucht, den Ball in seiner (also
eine neue Spielsituation, die zugleich die Abseitssitua- Kaderabeks) Nähe zu spielen“ – ein weiteres Strafbar-
tion von Schulz „löschte“. Der Strafstoßpfiff war korrekt. keitskriterium –, kann man nun wirklich nicht behaup-
ten, ganz im Gegenteil. Bleibt man also eng am Regel-
7 TSG 1899 Hoffenheim – Bayer 04 Leverkusen text, lässt sich diese Situation als ein nicht strafbares
Noch eine knifflige Abseitsszene vom 19. Spieltag der Abseits auslegen.
Bundesliga: Beim Pass von Leon Bailey steht Kevin
Volland (Nr. 31) im Teilkreis vor dem Strafraum knapp Apropos: Auch in den Regeln von Konrad Koch findet
im Abseits (Foto 7a). Volland lässt den Ball durch die sich schon einiges zum Thema Abseits: „Alle Spieler
Beine laufen zu dem beim Pass von Bailey nicht im müssen hinter dem Balle sein, das heißt zwischen dem
Abseits befindlichen Lucas Alario, der das 3:0 für Lever- Balle und ihrem Male.“ Damit war das eigene Tor gemeint.
kusen erzielt. „Abseits ist ein Spieler, wenn er vor dem Balle ist und
der Ball hinter ihm von einem seiner Genossen getreten
Das Tor findet die Anerkennung durch Schiedsrichter wird. Ein Spieler, der abseits ist, darf weder den Ball
Tobias Stieler, der die Abseitsstellung von Volland nicht berühren, noch einen Gegner aufhalten, überhaupt in
als strafbar einstuft. Und in dieser Einschätzung kann man keiner Weise sich am Spiel beteiligen, bis er aufhört
dem Unparteiischen folgen. Denn laut Regeltext müsste abseits zu sein.“
Volland „eindeutig aktiv“ werden und „klar die Möglich-
keit des Gegners beeinflussen, den Ball zu spielen“. Als Klingt doch ganz vertraut, der Text von 1875, oder? Es
Gegner käme hier lediglich der Hoffenheimer Pavel war eben noch nie verboten, im Abseits zu stehen. Es
Kaderabek (Nr. 3) in Frage. Im Gegensatz zum Blick aus kam nur schon immer darauf an, ob und wie man ins
der TV-Totalen (Foto 7b), die wegen ihrer Zweidimensi- Spiel eingreift.