Page 19 - DFB-Schiedsrichterzeitung 03-2018
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          Mitspieler sich an die Regeln hielten. Wer es nicht tat,   2   1. FC Kaiserslautern – 1. FC Union Berlin
          wurde vom eigenen Kapitän zunächst verwarnt und dann   Der Vierte Offizielle zeigt beim Stand von 4:3 für Kai-
          des Feldes verwiesen. Man stelle sich das heute vor …  serslautern berechtigt fünf Minuten Nachspielzeit an.
                                                      Die Gastgeber nutzen jede sich bietende Gelegenheit,
          Aber bleiben wir bei der Nachspielzeit. Vor allem im   um diese fünf Minuten unbeschadet zu überstehen.  Als
          Profifußball hat sie an Bedeutung gewonnen, was sich   4:32 Minuten vergangen sind, begeht der Lauterer Ben-
          schon daran ablesen lässt, dass sie dort, wo ein Vierter   jamin Kessel unmittelbar vor der Coaching-Zone des
          Offizieller im Einsatz ist, elektronisch angezeigt und   1. FC Union Berlin ein rücksichtsloses Foulspiel an  Steven
          vom Stadionsprecher verkündet wird.         Skrzybski (Foto 2a), das vom Schiedsrichter zu Recht
                                                      mit einer Gelben Karte bestraft wird.
            1   Fortuna Düsseldorf – FC St. Pauli
          Die Düsseldorfer führen 2:1, die letzte Minute der Nach-  Durch das Aussprechen der Verwarnung (Foto 2b), die
          spielzeit (vier Minuten hatte der Schiedsrichter anzeigen   Proteste und die dadurch entstandene Unruhe verge-
          lassen, Foto 1a) läuft. Er pfeift bei einem Angriff der   hen fast 30 Sekunden. Während die Berliner sich auf die
          Hamburger ein Kopfballduell ab und gibt einen Freistoß   Ausführung des Freistoßes vorbereiten und im Fernse-
          für Düsseldorf in deren Hälfte. Während im Fernsehbild   hen die Zeitlupe des Foulspiels läuft, ertönt die Pfeife
          zu sehen ist, wie sich der gefoulte Düsseldorfer erhebt   des Schiedsrichters. Er beendet das Spiel laut TV-Uhr
          und sich ein anderer den Ball zum Freistoß zurechtlegt,   bei 4:57 Minuten der Nachspielzeit.
          ertönt der Schlusspfiff – laut TV-Uhr nach 3:26 Minuten
          der Nachspielzeit (Foto 1b). Also gut eine halbe Minute   Abgesehen von den fehlenden drei Sekunden an der
          zu früh.                                    Mindest-Nachspielzeit: Regeltechnisch muss diese ver-
                                                      loren gegangene Zeit nachgespielt werden. Die UEFA
          Folgt man dem Regeltext, so zeigt „der Vierte Offizielle   gibt dazu die Anweisung, dass in solchen Fällen Frei-
          am Ende der letzten Minute jeder Halbzeit an, wie viele   stöße und Eckstöße, die innerhalb der vorgesehenen
          Minuten gemäß Entscheidung des Schiedsrichters min-  Nachspielzeit verwirkt wurden, noch ausgeführt werden
          destens nachgespielt werden“. Das Wort „mindestens“   müssen. Dies natürlich insbesondere dann, wenn diese
          ist in diesem Zusammenhang von ganz entscheidender   Nachspielzeit durch bewusste Zeitverzögerungen – in
          Bedeutung, denn der Schiedsrichter kann die Nachspiel-  diesem Fall auch das Foul und die Folgen – nicht ein-
          zeit bei Bedarf (Auswechslungen, Zeitschinden, Diszi-  gehalten werden kann.
          plinar maßnahmen etc.) selbstverständlich verlängern,
          keinesfalls jedoch verkürzen.               Sinn und Geist der Regeln erfordern zudem, dass nicht
                                                      derjenige bevorteilt wird, der die Regeln übertritt. Genau
          Sicher, die Wahrscheinlichkeit, dass St. Pauli in der ver-  dafür hat der Referee seinen Ermessensspielraum, den
          bleibenden halben Minute und bei einem Freistoß gegen   er hier leider nicht genutzt hat.
          sich noch den Ausgleich erzielt, ist nicht groß, aber das
          bleibt immer eine Spekulation, die ein Unparteiischer   3   SC Freiburg – Werder Bremen
          nicht anstellen darf. Auch das Meckern eines St. Pauli-  In der 35. Minute rutscht der Freiburger Amir Abrashi in
          Spielers nach dem Freistoßpfiff, das den Schiedsrichter   der Nähe der Mittellinie mit der Sohle voraus in einen
          sichtlich nervt, darf ihn nicht zu dem Fehler verleiten, das   Zweikampf um den Ball mit dem Bremer Philipp Barg-
          Spiel aus einer Verärgerung heraus zu früh abzupfeifen.  frede (Foto 3a). Würde er diese Aktion mit dem lang
                                                      durchgestreckten Bein zu Ende führen und damit den
          Interessant sind übrigens in dem dazugehörigen Video   Gegenspieler voll treffen, dann wäre eine Rote Karte die
          auch die Worte des Kommentators. Mit Bezug auf den   notwendige Konsequenz.
          Schiedsrichter meint er: „Schiet was auf die vier Minuten,
          3:30 sind auch genug. Das liegt ja in seinem Ermessen.“  Abrashi winkelt das Bein aber vor dem Kontakt deutlich
          Nein, liegt es nicht, jedenfalls so lange nicht, bis die von   an, trifft zwar trotzdem den Bremer (Foto 3b), aber nicht
          ihm selbst angeordnete Mindest-Nachspielzeit abge-  so heftig, dass die „Höchststrafe“ zwingend erforderlich
          laufen ist.                                 wäre.



                        2A                                  2B


                                                                                                   2a_28 Sekunden
                                                                                                   vor Ende der
                                                                                          2        Nachspielzeit: rüdes
                                                                                                   Foul an der Seitenlinie.
                                                                                                   2b_Die Folgen des
                                                                                                   Fouls kosten Zeit.





                                                                                          http://bit.ly/SZ-02-004
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